
Integration
Unser WIW-Konzept: Integration
Nachhaltigkeitsindikatoren können zusätzliche Erkenntnisse zu langfristigen Risiken und Chancen liefern, die für die Bewertung von Unternehmen relevant sein können. Deshalb berücksichtigen wir Nachhaltigkeitsaspekte systematisch in unserer Investmentanalyse. Dabei betrachten wir unter anderem den Umgang von Unternehmen mit regulatorischen Entwicklungen, Umwelt- und Reputationsrisiken sowie ihre Fähigkeit, sich an veränderte Marktbedingungen anzupassen. Unsere Analysen zeigen, dass Nachhaltigkeitsaspekte einen wichtigen Beitrag zur Beurteilung langfristiger Unternehmensentwicklungen leisten können.
Unternehmen, die Nachhaltigkeitsaspekte systematisch in ihre Geschäftsmodelle integrieren, weisen nach unserer Analyse häufig Merkmale auf wie:
- Weniger anfällig für regulatorische Änderungen
- Seltener in Umweltkatastrophen verwickelt
- Träger eines höheren öffentlichen Ansehens
- Innovativer und zukunftsorientierter
Diese Erkenntnisse sind der Grund, warum wir Nachhaltigkeitskriterien konsequent in unsere finanzielle Unternehmensanalyse bei den liquiden Anlagen integrieren.
EB-ESG-Score
Nur mit Nachhaltigkeitsaspekten werden Unternehmen ganzheitlich bewertet
Anlageentscheidungen basieren darauf, Chancen und Risiken abzuwägen. Um Unternehmen ganzheitlich beurteilen zu können, ist es unerlässlich, auch Nachhaltigkeitsaspekte zu berücksichtigen. Der Klimawandel betrifft beispielsweise jedes Unternehmen direkt oder indirekt: Einerseits können Unternehmen durch Produktionsausfälle infolge von Naturkatastrophen (physische Risiken) getroffen werden. Andererseits kann ihre Profitabilität durch regulatorische Änderungen, etwa eine Erhöhung des CO2-Preises (transitorische Risiken), beeinflusst werden.
Unser EB-ESG-Score kombiniert eine umfassende fundamentale Nachhaltigkeitsbewertung mit einem KI-gestützten nachrichtenbasierten Nachhaltigkeitsindikator. Damit bewerten wir nicht nur den historischen Umgang der Unternehmen mit ihren materiell relevanten Chancen und Risiken, sondern berücksichtigen auch aktuelle Ereignisse, die die Unternehmensbewertung negativ beeinflussen können. Die Funktion des EB-ESG-Scores zeigt sich am Beispiel des US-Bahnunternehmens Norfolk Southern Railway.
Am 03. Februar 2023 entgleiste ein Güterzug des Unternehmens nahe der Stadt East Palestine im US-Bundesstaat Ohio, ausgelöst durch ein heiß gelaufenes Radlager. 20 der insgesamt 151 Wagen des Güterzuges enthielten verschiedene hochgiftige Chemikalien. Nach der Entgleisung brach ein Feuer aus, das neun Tage lang brannte. Im Zuge der Löscharbeiten wurden große Mengen der Chemikalien freigesetzt. Teile der Chemikalien wurden kontrolliert abgebrannt. Neben der Luftbelastung unmittelbar nach dem Unfall gelangten ausgelaufene Chemikalien in umliegende Gewässer, tausende Fische und Wasserorganismen verendeten. In den Jahren 2023[1] bis 2025 mussten wiederholt Arbeiten zur Reinigung der Gewässer durchgeführt werden. Zudem wurde der Boden im Bereich der Entgleisung großflächig ausgehoben und entsorgt. Laut amerikanischer Umweltbehörde waren die Sanierungsarbeiten Anfang 2026 abgeschlossen; seitdem wird der Standort überwacht In den Jahren 2023[2] und 2024[3] entstanden Norfolk Southern insgesamt 1,5 Mrd. USD an Kosten im Zusammenhang mit dem Unfall. Diese enorme finanzielle Belastung des Unternehmens durch die verursachte Umweltkatastrophe wird auch im Aktienkurs reflektiert (siehe Abbildung 1).
Abbildung 1: Beispiel Norfolk Southern. Eigene Berechnung, Zeitraum: 01.09.2022–31.08.2023. Daten: Bloomberg, MSCI und RepRisk. Stand: 31.07.2026.
Das Beispiel zeigt eindrücklich, warum wir im EB-ESG-Score fundamentale Nachhaltigkeitsdaten mit KI-gestützten Nachrichtendaten kombinieren. Die fundamentale Komponente zeigt zwar schon im Vorfeld der Katastrophe die erhöhten Nachhaltigkeitsrisiken des Unternehmens, aber erst durch die Kombination mit dem nachrichtenbasierten Nachhaltigkeitsindikator wird die Umweltkatastrophe rechtzeitig im EB-ESG-Score reflektiert. Somit reagiert der Score äußerst zeitnah auf relevante aktuelle Ereignisse und ermöglicht dadurch eine aktuelle, ganzheitliche Analyse. So können rechtzeitig informierte Entscheidungen darüber getroffen werden, wie mit einem investierten Unternehmen umgegangen wird.
Geringere Portfoliorisiken dank Nachhaltigkeit
Um zu zeigen, dass die Berücksichtigung des EB-ESG-Scores im Investmentprozess einen Mehrwert darstellt, haben wir ein nachhaltiges und ein nicht-nachhaltiges Portfolio konstruiert (siehe Abbildung 2). Dazu wurden jeweils die 20 Prozent der Unternehmen mit den besten und schlechtesten EB-ESG-Scores aus dem MSCI Welt Index einem Portfolio zugewiesen. Beide Portfolios weisen dieselbe Sektorallokation auf. Die Abbildung zeigt, dass das Portfolio „Hoher EB-ESG-Score“ im betrachteten Zeitraum nicht nur keine Renditenachteile aufweist, sondern eine deutlich bessere Wertentwicklung erzielt hat als der MSCI Welt Index und das Portfolio „Niedriger EB-ESG-Score“.
Abbildung 2: Wertentwicklung im Vergleich. Eigene Berechnung, Zeitraum: 01.06.2021–30.06.2026. Daten: Bloomberg, MSCI und RepRisk. Stand: 31.07.2026.
Zusätzlich zeigt sich bei Betrachtung des maximalen Wertverlustes der Portfolios, dass die Berücksichtigung des EB-ESG-Scores in der Portfoliokonstruktion einen Mehrwert für das Risikomanagement aufweist (siehe Abbildung 3). Das Portfolio „Hoher EB-ESG-Score“ erlitt den geringsten maximalen Kursrückgang, während das Portfolio „Niedriger EB-ESG-Score“ den stärksten Einbruch verzeichnete. Damit erzielte das Portfolio „Hoher EB-ESG-Score“ nicht nur eine höhere Rendite, sondern wies auch ein besseres Risikoprofil auf als das Portfolio „Niedriger EB-ESG-Score“ und das Ausgangsuniversum.
Abbildung 3: Maximaler Wertverlust. Eigene Berechnung, Zeitraum: 01.06.2021–30.06.2026. Daten: Bloomberg, MSCI und RepRisk. Stand: 31.07.2026.
Fundamentale Komponente
Die fundamentale Komponente des EB-ESG-Scores berücksichtigt unternehmensspezifische ESG-Risiken und -Chancen sowie den Umgang der Unternehmen mit diesen. Betrachtet werden Faktoren aus den Bereichen Umwelt (Environment), beispielsweise Treibhausgase, Rohstoffe oder Abfall, Soziales (Social), beispielsweise Arbeitssicherheit, Lieferketten oder Datenschutz, und Unternehmensführung (Governance), beispielsweise Vergütungsstruktur oder Steuertransparenz. Für die fundamentale Komponente berechnen wir mithilfe einer LASSO-Regression individuelle Gewichte für jeden Nachhaltigkeitsindikator, die die finanzielle Materialität der Daten widerspiegeln (sogenannte materialitätsverbesserte Gewichte). Dies führt dazu, dass beispielsweise bei arbeitsintensiven Unternehmen soziale Faktoren und bei Unternehmen mit potenziell hohen Umwelteinflüssen ökologische Faktoren stärker berücksichtigt werden. Auf diese Weise stellen wir sicher, dass nur finanziell relevante Nachhaltigkeitsdaten verwendet werden, und reduzieren das Risiko der Verwässerung wichtiger Datenpunkte im aggregierten Score (vgl. Giese et al., 2019)[4]. Das Gewicht der einzelnen Nachhaltigkeitsdimensionen (Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) wird jeweils zwischen 10 % und 60 % begrenzt. So wird verhindert, dass eine einzelne Säule den aggregierten Score dominiert.[5]
Sentiment-Komponente
Für die nachrichtenbasierte Sentiment-Komponente werden täglich mehr als 2.000.000 Nachrichten aus über 150.000 öffentlichen Nachrichtenquellen in mehr als 30 Sprachen ausgewertet. Dabei wird nach Informationen zu Risikoereignissen aus über 80 Themenfeldern gesucht. Diese Risikoereignisse werden analog zu unserer fundamentalen Komponente den Bereichen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung zugeordnet. Beispiele für Risikoereignisse sind Umweltverschmutzung, Menschenrechtsverstöße, Cyberangriffe, Kinderarbeit, Diskriminierung, Korruption und Bestechung, Greenwashing, Arbeitsbedingungen oder Steuerhinterziehung.
Die Auswertung ist ereignis- und problemorientiert aufgebaut. Das bedeutet, dass in den mehr als 2.000.000 Artikeln zunächst nach negativen Ereignissen gesucht wird und im zweiten Schritt überprüft wird, welche Unternehmen in diese Ereignisse involviert sind. Dies geschieht mithilfe eines Machine-Learning-Modells, das neben der thematischen Einordnung und der Erkennung von Unternehmen auch eine initiale Einschätzung der Relevanz und Stimmung (Sentiment) vornimmt.
Anschließend wird jedes Ergebnis von einem Analystenteam geprüft und aufbereitet. Dabei werden das Ausmaß der Folgen eines Ereignisses, die Reichweite der Informationsquelle und die Aktualität beurteilt. Die resultierende quantitative Kennzahl ermöglicht eine Einschätzung des Reputationsrisikos eines Unternehmens.[6]
Zusammenspiel der fundamentalen und nachrichtenbasierten Komponente
Der EB-ESG-Score ermöglicht durch die fundamentale Nachhaltigkeitsbewertung in Kombination mit der KI-gestützten nachrichtenbasierten Komponente eine ganzheitliche Betrachtung. Verschlechterungen in Bezug auf die Nachhaltigkeit der Unternehmen spiegeln sich in unserem kombinierten Score wider, lange bevor sie dies in der reinen fundamentalen Nachhaltigkeitsbetrachtung tun würden. Auf diese Weise ist der EB-ESG-Score ein effektives Instrument in unserem Investmentprozess und für unser Risikomanagement. Die Sentiment-Komponente fungiert als Frühwarnsystem, das die fundamentale Bewertung bei aufkommenden negativen Ereignissen oder Krisen temporär herabstuft. Dieser Mechanismus reagiert auf starke Anstiege in der negativen Berichterstattung über ein Unternehmen.
[1] East Palestine, Ohio Train Derailment, https://www.epa.gov/east-palestine-oh-train-derailment/operational-updates (US EPA, 2026)
[2] Annual Report (Norfolk Southern Corporation, 2024)
[3] 2024 Annual Report (Norfolk Southern Corporation, 2025)
[4] Giese et al. (2019), „Foundations of ESG Investing: How ESG Affects Equity Valuation, Risk, and Performance”
[5] Die Rohdaten beziehen wir von MSCI (https://www.msci.com/)
[6] Die Sentiment-Komponente beziehen wir von RepRisk (https://www.reprisk.com/)