- Casestudy
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- 22.09.2025
Wanderarbeiter: Stille Architekten des Fortschritts
Sie pflücken die Früchte, die wir essen. Sie pflegen unsere Angehörigen. Sie bauen die Stadien, in denen wir jubeln. Wanderarbeiter sind die unsichtbaren Helden einer globalisierten Welt. Und doch bleiben sie oft ohne Stimme, ohne Rechte – und ohne Anerkennung.

Rund 168 Millionen Menschen weltweit verlassen ihre Heimat, um in einem anderen Land zu arbeiten. Sie sind die stillen Architekten unseres Wohlstands. Doch allzu oft zahlen sie dafür einen hohen Preis – mit Zwangs- und Kinderarbeit.
Globalisierung mit Schattenseiten
Der Traum von einem besseren Leben führt Millionen von Menschen Jahr für Jahr über Grenzen hinweg. „Push-Faktoren“ wie Armut, Arbeitslosigkeit oder politische Unsicherheit treiben sie fort. „Pull-Faktoren“ wie höhere Löhne oder bessere Lebensbedingungen ziehen sie an.
Doch die Realität am Zielort sieht häufig anders aus: lange Arbeitszeiten, fehlende soziale Absicherung, niedrige Löhne. Hinzu kommt, dass sich viele Wanderarbeiter verschulden müssen, um Anwerbungs- und Reisekosten zu bezahlen. So geraten viele in ein System, das sie mit Schulden, abhängig und wehrlos zurücklässt – ein Kreislauf der Ausbeutung.
Ein erheblicher Teil der Wanderarbeitskräfte ist in den Bereichen Landwirtschaft, Gesundheitswesen und Baugewerbe tätig. Der überwiegende Anteil – 68 Prozent – arbeitet jedoch im Dienstleistungssektor, wobei hier der Frauenanteil über dem Durchschnitt liegt. Diese Verteilung ist maßgeblich auf die hohe Nachfrage nach Pflege- und Hausarbeit sowie auf die demografische Alterung in vielen Zielländern zurückzuführen. Im Vergleich dazu sind Wanderarbeitskräfte in der Landwirtschaft und der Industrie unterrepräsentiert.
All das ist kein fernes Problem. Ob im europäischen Dienstleistungssektor, auf amerikanischen Farmen oder auf arabischen Baustellen – Ausbeutung von Wanderarbeitern ist ein globales Phänomen.
Die WM 2034 als Brennglas
Spätestens seit der Fußball-WM 2022 in Katar weiß die Welt: Hinter dem Glanz großer Sportereignisse steckt oft ein düsterer Alltag für die Arbeiter, die sie möglich machen. Mit der Vergabe der FIFA-Weltmeisterschaft 2034 an Saudi-Arabien rückt dieses Thema erneut in den Fokus.
Elf neue Stadien, 185.000 Hotelzimmer, neue Flughäfen und Straßen – all das wird von Menschen gebaut, die in vielen Fällen unter Bedingungen arbeiten, die moderner Sklaverei gleichkommen. Insbesondere das Kafala-System bringt Härten mit sich. Zu ihnen gehören: Passentzug, nicht- oder verspätet gezahlte Löhne, fehlende Arbeitsplatzsicherheit. Dies führt zu hoher Abhängigkeit, da die Beschäftigten kaum Chancen haben, ihre Rechte durchzusetzen.
Warum Investoren handeln müssen
Investoren fällt beim Kampf gegen diese Missstände eine hohe Verantwortung zu. Wer in einer globalisierten Welt investiert, trägt Mitverantwortung für die Bedingungen, unter denen Wertschöpfung entsteht.
Der Asset Manager der Evangelischen Bank, die EB – Sustainable Investment Management GmbH, steht für Investments für eine bessere Welt. Durch den aktiven Dialog mit Unternehmen adressieren sie Nachhaltigkeitsrisiken und -chancen und begleiten so Unternehmen bei ihrer Nachhaltigkeitstransformation.
Als nachhaltiger Investor fordert die EB-SIM unter anderem von Unternehmen:
- Null Toleranz gegenüber Zwangs- und Kinderarbeit
- Transparenz auch in den Lieferketten
- Verankerung internationaler Standards wie der ILO-Kernarbeitsnormen und der UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte
Wenn Unternehmen diese Anforderungen schwerwiegend missachten, zieht die EB-SIM klare Konsequenzen bis hin zum Ausschluss und Desinvestment. Erneute Investments sind in diesen Fällen nur möglich, wenn Unternehmen glaubhaft darlegen, dass sie bestehende Verstöße aufgeklärt, behoben und wieder gut gemacht haben. Zudem müssen sie darlegen, dass sie wirkungsvolle Maßnahmen ergriffen haben, um eine Wiederholung zu verhindern.
Engagement statt Wegschauen
Veränderung entsteht durch Dialog. Deshalb sucht die EB-SIM aktiv das Gespräch mit Unternehmen – auch in heiklen Branchen. Engagements sollen Unternehmen motivieren, aktiv gegen Ausbeutung von Wanderarbeitern vorzugehen und die Menschen- und Arbeitnehmerrechte in allen Geschäftsbereichen und der Lieferkette umfassend zu achten.
Als Mitglied des Arbeitskreises Kirchlicher Investoren (AKI) haben wir in der Vergangenheit zudem an zahlreichen Unternehmensdialogen zu menschenrechtlichen Risiken in der Lieferkette aktiv teilgenommen. Gemeinsam mit anderen Investoren hat sich die EB-SIM mit Netzwerken wie Shareholders for Change (SfC) zusammengetan, um gemeinsam mehr Gewicht zu bekommen. Das Ziel: Unternehmen dazu bewegen, Risiken zu erkennen, Schutzmechanismen einzuführen und konsequent umzusetzen.
Ein Gewinn für alle
Der Schutz von Wanderarbeitern ist kein Nischenthema. Vielmehr trägt er zu nachhaltigerem und damit erfolgreicherem wirtschaftlichem Handeln bei:
- Gesellschaftlich, weil Menschenrechte universell sind.
- Wirtschaftlich, weil faire Arbeitsbedingungen Stabilität schaffen.
- Ökologisch, weil nachhaltiges Handeln nie ohne soziale Verantwortung auskommt.
Investoren können dabei eine Schlüsselrolle übernehmen. Indem sie die Macht des Geldes nutzen, setzen sie Signale: Menschenrechte sind nicht verhandelbar.
Fazit: Zeit für Verantwortung
Wanderarbeiter sind keine Randfigur der Weltwirtschaft. Sie sind vielerorts ihr Rückgrat. Sie verdienen Respekt, faire Bedingungen und Schutz.
Die kommenden Jahre – mit Großereignissen wie der Fußball WM 2034 – werden zeigen, ob Unternehmen und Investoren bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Die EB-SIM hat sich entschieden: Sie handelt. Für die Menschen, für nachhaltige Märkte, für eine gerechte Zukunft.